Mit dem Tod von Constantin Floros am 4. September 2026 ist einer der renommiertesten Musikwissenschaftler von uns gegangen, ein Gelehrter, dem es gelang, eine einzigartige Synthese zwischen ganzheitlicher Betrachtung und tiefschürfender Spezialisierung herzustellen. Seine Forschungen umfassten ein ungemein weites Spektrum, das von der Frühzeit der byzantinischen Musik über eine universale Neumenkunde bis zur Musik der Gegenwart, etwa zu György Ligeti, reichte. Im Zentrum seiner wissenschaftlichen Tätigkeit stand dabei das Schaffen Gustav Mahlers. Sein dreiteiliges Hauptwerk, die zwischen 1977 und 1985 erschienenen Bände Die geistige Welt Gustav Mahlers in systematischer Darstellung (Band 1, 1977; englische Übersetzung von Ernest Bernhardt-Kabisch, Lang, 2016), Mahler und die Symphonik des 19. Jahrhunderts in neuer Deutung (Band 2, 1977; englische Übersetzung von Neil K. Moran, Lang, 2014) und Die Symphonien (Band 3, 1985, englische Übersetzung von Vernon Wicker, Scolar Press, 1994), gefolgt von der Monographie Gustav Mahler (2010) in der Reihe Beck Wissen, dokumentiert – neben einer großen Anzahl Mahler-bezogener Einzelstudien – seine umfassende Betrachtungsweise auf Mahler, in der die geistige und kulturelle Aura von Mahlers Werken ebenso wie ihre musikalische Struktur ins Blickfeld rückt. Dabei beschönigte Floros in keiner Weise auch problematische Seiten von Mahlers Persönlichkeit, so etwa dessen „despotisches Gebaren, seine Unerbittlichkeit und sein radikales Vorgehen“ als Direktor der Wiener Hofoper (Gustav Mahler, Visionär und Despot, Arche, 1998, englische Übersetzung von Ernest Bernhardt-Kabisch, Lang, 2012). In einer Zeit, in der quellenkritische Biographieforschung und werkbezogene Strukturanalyse weitgehend voneinander getrennte Zugänge zu den höchst komplexen Aspekten kompositorischen Schaffens bildeten, unternahm Floros seinen spezifischen, wenn auch nicht immer unumstrittenen Weg einer ganzheitlichen Auseinandersetzung mit den komplexen und widersprüchlichen Facetten von Mahlers Persönlichkeit.
Geboren am 4. Jänner 1930 in Thessaloniki studierte Constantin Floros Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Philosophie und Psychologie an der Universität Wien sowie Komposition und Dirigieren an der Wiener Musikakademie. Nach der Promotion 1955 und der Habilitation 1961 lehrte er an der Universität Hamburg, wo er von 1972 bis 1995 eine ordentliche Professur für Musikwissenschaft innehatte.
Floros hat durch seine wegweisenden Publikationen den Diskurs über den Zusammenhang zwischen Leben und Werk, nicht nur anhand von Mahlers Œuvre, nachhaltig befruchtet und geprägt. Die Auszeichnung mit der Goldenen Mahler Medaille durch die Internationale Gustav Mahler Gesellschaft im Jahr 2010 bestätigte seine herausragende Stellung in der Mahler-Forschung. Das Vermächtnis seiner Schriften, die bis heute als Referenz gelten, eröffnet auch für die zukünftige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Mahler bedeutsame Perspektiven.
Peter Revers
Ein ausführlicher Nachruf wird in der kommenden Ausgabe 79 der Nachrichten zur Mahler-Forschung (Herbst 2026) veröffentlicht.

